Pour le chat

Als wir auf der Ferme équestre et pédagogique de Chantaigut ankommen, ist niemand da, der sich um uns kümmert. Wir warten. Wir warten auch am nächsten Tag, was wir jetzt tun sollen. Die Arbeit als Wwoofer*in stellt sich erst so nach und nach ein, aber dann kommen Tage, an denen wir mehr als 8h aktiv waren. Zu tun gibt es hier nämlich mehr als genug. Brigitte, das Zentrum dieses Pferdehofs, lässt einem viel Freiheit, stresst sich selbst nicht und lässt auch ihre Pferde selbstverwaltet von einer Weide auf die nächste ziehen. Dem Laissez-faire-Stil entsprechend schaut es auch aus. Nichts ist fertig, sei es die letzten zwei fehlenden Kacheln vorm Kamin, die letzten zwei wackelnden Pfosten am Reitplatz oder der angefangene Hühnerstall, den der Sturm wieder zerstört hat. Ach überhaupt der Sturm. Der Sturm hat das Dach von der Scheune kaputt gemacht, weshalb es jetzt seit März auf das Heu regnet, dieses vor sich hin schimmelt oder schon verkompostiert. Der Sturm hat Bäume umgeknickt, washalb der Zaun ganz kaputt ist. Der Zaun ist aber auch da kaputt, wo alle Bäume solide im Boden stehen. Wenn es nicht der Sturm war, dann waren es die Praktikantinnen, die die Litze um die Holzpfosten wickeln anstatt durch die Isolatoren, die das Werkzeug nicht aufräumen und überhaupt alles stehen und liegen lassen.

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Abgeäppelt wird hier auch nicht, die Paddocks sowieso nicht, den Putzplatz und den Reitplatz auch nicht und in den Boxen wird Matratzeneinstreu bevorzugt (d.h. die Pferde stehen ein bis zwei Wochen in ihrer Scheiße, dann wird ausgemistet). Es gibt auch gar kein richtiges Werkzeug zum misten. Ich versuche es mit Besen und Schaufel und wünsche mir einen ordentlichen Mistboy.

Schnell kristallisiert sich heraus, dass wir morgens und abends für das Heu füttern zuständig sind und regelmäßig die Wasserbottiche auffüllen müssen. Nachdem ich in den ersten Tagen erst einmal alle Bottiche gründlich sauber gemacht habe, macht Wasser auffüllen fast Spaß, weil es sehr meditativ ist. Da die Schläuche so viele Löcher haben, kommt am Ende nur die Hälfte an. Das entschleunigt ungemein.

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In der ersten Woche verläuft keine Fütterung nach Plan, weil immer irgendein Pferd ausgebrochen ist, der Zaun entsprechend kaputt ist oder sonst irgendetwas unvorhergesehenes passiert. Meistens ist es Blues, ein junger Fuchswallach mit breiter Blesse, der ausbricht. Und seine Freundin Attitude mitnimmt, die dann immer wie Tulpe tut und sagt: Meine Idee war’s ja nicht, ich bin nur mitgelaufen. Also fangen wir erst mal die Pferde ein, was problemlos geht, weil alle Pferde hier wirklich sehr menschenfreundlich und umgänglich sind.

Das Heu füttern an sich geht dann so: Heu von Rundballen in so große grüne Säcke stopfen, zum Paddock tragen und ausleeren. Es gibt drei Säcke und meistens auch nur Pferde auf drei Paddocks (die anderen sind auf riesigen Weiden). Eine Schubkarre gibt es nicht, was bei der Buckelpiste und den Pfützen wahrscheinlich auch nicht praktischer wäre. Später entdecke ich eine alte Sackkarre, auf die ich einen Bottich stelle und somit zumindest mal eine Box ausmisten kann.

Von dem Heu in die Säcke stopfen huste ich schon und ich bin heilfroh, dass Draumsyn und Jaquima auf einer großen Weide Gras fressen dürfen. Sie haben dort große Bäume und eine Hütte zum Unterstellen und abwechslungsreiches Gelände. Insgesamt verbringen wir jetzt die meiste Zeit getrennt, die beiden entspannt auf ihrer Weide und wir am bricoler, réparer, aller chercher, ranger, manger. Die gemeinsame Zeit mit den Pferden fehlt mir und andererseits stürze ich mich mit Übereifer in die Aufgaben, vielleicht auch, um mich abzulenken und nicht mit unserer Situation auseinandersetzen zu müssen. Artur ist da immer wieder die bremsende Kraft und besteht auf seinen Pausen. Die Institution goûter verinnerlicht er sehr schnell. Das goûter ist so was ähnliches wie Kaffee und Kuchen, nur später und einfacher gehalten. Klassischerweise gibt es gegen 16h30 Kekse, Kuchen und Wasser oder Limo, in Chantaigut meist erst gegen 17h30 bis 18h. Aber abgesehen von der Pause haben wir einfach Hunger um diese Uhrzeit und können nicht bis 21h bis zum Abendessen warten.

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Ach ja, das Essen. Wir essen viel und meistens gut, abends spät und immer mit allen Leuten zusammen, die gerade am Hof sind. Das sind neben Brigitte ihre Auszubildende Julia, diverse Reitmädels oder auch Ismael, der mit seiner Tochter hier Urlaub macht. Wir beteiligen uns auch in der Küche, kochen auch ab und zu (einmal gibt es Kaspressknödel aus altem Baguette) oder bereiten zumindest einzelne Gänge zu. Ja, es gibt immer mindestens drei Gänge, lieber vier. Melone, Salat, Fleisch mit Gemüse, Käse, Nachtisch. Immer Baguette dazu. Ich hatte mich schon gefragt, wie die Franzosen immer an frisches Baguette kommen, vor allem an so einem abgelegenen Ort wie Chantaigut. Nun ja, es wird eingefroren und in der Mikrowelle aufgetaut. Das Ergebnis ist unbefriedigend. Zum Nachtisch gibt es oft Eis, was Artur großartig findet. Brigitte isst viel Fleisch und immer wieder muss ich mir Kommentare anhören. Aber zum Glück gibt es genug Freiraum in der Küche, dass ich mir Alternativen zubereiten kann. Irgendwann hat Brigitte auch unsere Sonderwünsche Haferflocken und Fromage blanc (fürs Müsli) automatisch auf ihre Einkaufsliste gesetzt. Insgesamt nimmt das Essen sehr viel Raum ein und da auch immer zusammen gegessen wird, muss man oft aufeinander warten. Bis wir abends ins Zelt kriechen, ist es meistens 22h. Richtig Zeit für uns haben wir an diesen angefüllten Tagen nicht.

Ein typischer Tag in Chantaigut sieht so aus:

7h          Wecker klingelt, Schlummertaste mindestens 2x

7h30      Pferde einfangen und füttern

8h30      Frühstück (Müsli!), Spülmaschine ausräumen

9h          Komma komma rufen, Draumsyn und Jaquima kommen freudig angetrabt, um ihr Müsli mit Medis zu fressen, evtl. Bodenarbeit oder ein kleiner Spaziergang

11h        Kleinkram erledigen, reparieren, vorbereiten

12h        Mittagessen herrichten, essen, Pause mit Handyzeit für Artur

14h        Zäune reparieren

17h30    Goûter

18h        Heu füttern

19h        Duschen

19h30    Abendessen herrichten

20h30    essen

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Da sich Blues mit seinen Ausbrechkünsten geradezu aufgedrängt hat, schlagen wir von uns aus vor, die Zäune zu reparieren. Erstes Ziel: Den Paddock von Blues wieder voll unter Strom setzen können. Mit Akkuschrauber, Ersatzisolatoren, neuen Griffen und Litze ausgestattet machen wir uns ans Werk und nach einer guten Woche sind alle Paddocks mit einem logischen System einfach unter Strom zu setzen. Vorher war einfach alles irgendwie miteinander verbunden bis der Strom spätestens dann in die Erde abgeleitet wurde, wenn die Litze am Boden hing, durchs Buschwerk ging oder um den Pfosten gewickelt war. Und wir haben Erfolg: Blues und seine Freunde brechen nicht mehr aus.

Aber danach haben wir erst einmal genug von Zäunen. Brigitte schlägt uns vor, entweder die Stangen für den Springparcours zu streichen oder den Hühnerstall zu reparieren. Wir entscheiden uns für letzteres und krabbeln auf dem Dach rum, bohren, schrauben und sägen bis am Ende eine schöne Sitzstange aus Hasel, Nistplätze zum Eier legen und ein mehr oder weniger dichtes Dach bei rauskommt. Bei einem Wolkenbruch stellen wir uns im Hühnerhaus unter und es regnet ganz schön arg rein. Nun ja, wir sind halt nur Wwoofer und keine Zimmermänner und Dachdeckerinnen. Zu guter letzt kommt noch ein recht niedriger Maschendrahtzaun und ein kleines Törchen und die Hühner mit ihrem Zwerghahn können einziehen. Als es dunkel ist, pflücken wir sie von den Boxenwänden im Pferdestall und tragen sie in ihren neuen Hühnerstall. Doch auch hier finden zwei von ihnen einen Durchschlupf und laufen immer frei herum. Der kleine Hahn fliegt einfach über den Zaun drüber. Falls wir jemals selber Hühner haben sollten, habe ich einiges gelernt: Besser ist ein ganz hoher Zaun, den Hühnerstall lieber in ein bestehendes Gebäude integrieren, damit er regensicher ist, oder sich gleich für eine mobile Variante entscheiden, und für kurze Wege den Hühnerstall in die Nähe der Küche bauen, denn Hühner fressen alle Küchenabfälle (mit Vorliebe ihre eigenen Eierschalen) und ihre Eier braucht man ja auch wieder in der Küche.

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Da zwei frei herumlaufende Hühner kaum stören, kümmern wir uns nicht weiter drum und machen mit den Pferdezäunen weiter. Immer da, wo gerade wieder Pferde ausgebrochen sind, machen wir weiter, bis wir bis zu unserer Abfahrt das gesamte Zaunsystem in Chantaigut zumindest soweit auf Vordermann gebracht haben, dass alle Elektrozäune auch wieder Strom führen können. Artur hat dafür stundenlang die débroussailleuse bedient und Brennesseln, Farn und kleinere Brombeeren zerfetzt. Ich habe dann neue Isolatoren reingedreht, nachgespannt, Knoten entwirrt und neue ordentliche Knoten reingemacht. An die Stacheldrahtabschnitte haben wir uns nur im Notfall rangewagt (z.B. als wir nach zwei Wochen entdeckt haben, dass auf der Weide von Draumsyn und Jaquima zwei Löcher im Zaun waren und sie einfach in den Wald hätten spazieren können). Wenigstens haben wir einen Zustand hintelassen, der besser war als vorher. Was zukünftige Praktikantinnen oder Stürme wieder zunichte machen, liegt nicht in unserer Macht. Dieses Gefühl, dass eh alles für die Katz ist, überkommt uns immer wieder. Warum soll man Spinnennetze im Stall entfernen (extrem staubige Angelegenheit) und mit dem Hochdruckreiniger die Boxen akribisch sauber machen, wenn die Pferde danach in ihrer Matratzenstreu und Scheiße alles schmutzig machen? Diese Aktion mit dem Kärcher hat drei Tage unseres Lebens gedauert.

Ich denke in dieser Zeit sehr viel darüber nach, was sinnvoll ist im Leben und was nicht und womit ich meine Zeit verbringen möchte. Mir wird bewusst wie wertvoll jeder einzelne Augenblick ist. Denn es kann schneller vorbei sein, als wir denken. Ich lenke mein Bewusstsein immer wieder auf kleine alltägliche Handlungen wie dem Schuhe binden und bin dankbar dafür, dass ich das tun kann. Weil ich lebendig bin.

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Umso frustrierender ist es, sich mit Sisyphus-Arbeiten zu beschäftigen. Aber meine Kopf schüttelnde Anti-Haltung gegenüber allem, was ich in Chantaigut sehe und mache, verändert sich mit der Zeit. Am Anfang will ich nur weg und überlege, ob Draumsyn vielleicht doch noch kleine etappen schaffen könnte. Dieser Idee setzt der Tierarzt, der in den ersten Tagen kommt, ein für alle Mal ein Ende. Die geschwollenen Fesseln sind sehr wahrscheinlich ein Anzeichen für eine beginnende Arthrose und sie darf maximal 20 min im Schritt bewegt werden. Einen Monat lang. Draumsyn hat auch gar keine Lust, sich zu bewegen.

Ich mache mir Vorwürfe, wie wir es soweit haben kommen lassen können und denke aber auch aktiv darüber nach, wie ich Draumsyn wieder sinnvoll auftrainieren kann. Ein anderer Wwoofing-Hof in der Nähe von Vichy geistert mir schon seit längerem im Kopf herum, weil sie dort klassische Dressur nach den alten französischen Meistern anbieten, alles ganz pferdefreundlich und alternativ ist. Nach zwei Wochen in Chantaigut fahren wir zu diesem Hof und es ist eine herbe Ernüchterung. Die dicken Pferde stehen zwar auf großen Koppeln, aber das Haus ist noch schmutziger und ekliger als bei Brigitte. Da sie sowieso im Oktober mit dem gesamten Hof umziehen wollen, herrscht eine gewisse Endzeitstimmung und Reitkurse und –stunden finden auch nicht mehr statt. Es verhilft uns zu Klarheit und auch zu einer gewissen Dankbarkeit für das, was wir hier haben. Eine große Wiese für die Pferde, Essen für uns und zumindest die Hoffnung, dass unsere Reperaturarbeiten zu etwas gut sind.

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Also wechselt meine Haltung von Ablehnung zum Annehmen, was ist und sich so gut es geht darin zurechtfinden. Die Freiheiten, die uns Brigitte lässt, müssen auch genutzt werden. Wir nehmen uns die Zeit zwischendurch zum Nachdenken, wie es weiter gehen soll und wie wir die nächsten Monate verbringen möchten. Anfangs halten wir an der Idee fest, in den Pyrenäen zu überwintern. Doch durch Draumsyns Gesundheitszustand wird das in Frage gestellt. Außerdem zweifeln wir daran, eine gute Pferdehaltung vor allem im Winter zu finden. Es fällt uns noch nicht so leicht, ganz von Frankreich Abschied zu nehmen und nach Deutschland zurückzukehren. Aber wir könnten ja schon mal in die Richtung. Also suchen wir uns in den Vogesen und im Elsass einen Hof, wo wir auch gegen Mitarbeit bleiben können. Das wird schwieriger als gedacht und letztendlich entscheiden wir uns für eine Wanderreitstation im Norden des Elsass direkt an der deutschen Grenze. Jetzt brauchen wir nur noch einen Transport.

Aus den zwei Wochen, die wir auf Chantaigut bleiben wollten, sind fünf geworden. Artur hat tatsächlich französisch gelernt und versteht schon richtig viel. Ich habe so Wörter gelernt wie tarière – Erdbohrer, tronçonneuse – Motorsäge und débroussailleuse – Motorsense. Die beiden Katzen Chance und Chaussette haben uns inzwischen auch akzeptiert und setzen sich sogar auf unseren Schoß. Guiness, die Hündin, mag sowieso jeden Menschen und streckt immer alle Viere von sich, damit man sie am Bauch streichelt. Unsere erste Wwoofing-Erfahrung kann sich sehen lassen und war von den Rahmenbedingungen und der Offenheit genau passend für uns. Merci, Brigitte.

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Und zum Schluß noch ein kleines Chantaigut-Gedicht:

Katzenkacke vorm Kamin

Hundepipi aufm Teppich

Auch Hühnerscheiße seh ich

im Stall überall.

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